Biografien für Aufbau, Herkunft und Neugier

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Ein Ratgeber sagt dir, was du tun sollst. Eine Biografie zeigt, was jemand tatsächlich getan hat, meistens unter Bedingungen, die er sich nicht ausgesucht hat. Das bleibt länger hängen und ist schwerer zu empfehlen, weil die Frage nicht lautet, was du lernen willst, sondern wessen Leben dich etwas angeht.

Diese sieben Bücher sind deshalb nach dem Grund sortiert, aus dem man sie liest. Zwei erzählen, wie eine Firma wirklich entsteht. Drei handeln von Herkunft und davon, was jemand daraus gemacht hat. Eines zeigt, was passiert, wenn Geschäft auf Staatsmacht trifft. Und eines untersucht, wie ein Kopf arbeitet.

Wie eine Firma wirklich entsteht

Shoe Dog von Phil Knight

Shoe Dog

Phil Knight

FinanzBuch Verlag 2016 · 448 Seiten · ISBN 9783898799928

Knight beginnt nicht mit Nike. Er beginnt mit einem Morgenlauf. Auf den ersten Seiten steht er vor Sonnenaufgang auf, läuft durch den Nebel von Oregon und fragt sich, warum das Loslaufen jedes Mal so schwerfällt. Erst danach kommt die Idee, japanische Laufschuhe zu importieren.

Das erste Kapitel heißt "Morgendämmerung", und der Ton ist der eines Menschen, der sich erinnert, nicht der eines Gründers, der erklärt. Die Widmung lautet, sinngemäß, an seine Enkel, damit sie es wissen. Als Motto steht ein Satz von Shunryu Suzuki davor: Im Geist des Anfängers gibt es viele Möglichkeiten, im Geist des Experten nur wenige.

Am stärksten ist das Buch da, wo es unbequem wird. Joe Weisenthal von Bloomberg nennt es das beste Buch über die Geschichte der Globalisierung und über die grundsätzliche Schwierigkeit, ein schnell wachsendes Unternehmen zu finanzieren. Genau darum geht es über weite Strecken: Nike war jahrelang praktisch zahlungsunfähig, obwohl der Umsatz stieg.

Tren Griffin, der selbst sieben Bücher geschrieben hat, nennt es das beste Wirtschaftsbuch, das er in letzter Zeit gelesen hat. Bill Gates besprach es im Dezember 2016 auf Gates Notes und nahm es in seine Lieblingsbücher des Jahres auf. Fazit: Nimm Knight, wenn du wissen willst, wie sich Aufbau von innen anfühlt. Eine Anleitung bekommst du nicht.

Iger schrieb das Buch am Ende von 15 Jahren als Vorstandschef von Disney, und es beginnt mit dem schlimmsten Tag. Auf Seite 14 steht er in Shanghai, kurz vor der Eröffnung des dortigen Disney-Parks, als ihm sein Kommunikationschef zuflüstert, dass in Orlando ein Alligator ein Kind angegriffen hat.

Was danach kommt, ist der Grund, das Buch zu lesen. Iger beschreibt, wie er in Gedanken die Firmengeschichte durchgeht und feststellt, dass in 45 Jahren Disney World noch nie ein Gast angegriffen wurde. Dann erinnert er sich an einen Mann, den er vor Jahren in derselben Lagune schwimmen sah, weil er den Luftballon seines Kindes zurückholte, und an das Foto, das er davon machte. Führung sieht hier aus wie eine Reihe sehr konkreter Erinnerungen unter Zeitdruck.

Morgan Housel ordnet das Buch nüchtern ein. Viele empfehlen es wegen des ersten Kapitels, das er gut findet, aber ihn habe das ganze Buch interessiert. Alok Kejriwal hebt die Übernahmen hervor, also wie Pixar, Marvel und Lucasfilm zu Disney kamen. Brené Brown, deren eigenes Führungsbuch in unserer Auswahl zur Führung steht, nennt es Führungsgold.

Fazit: Knight oder Iger? Knight baut etwas aus dem Nichts und hat ständig kein Geld. Iger übernimmt etwas Großes und muss es entscheiden. Wenn du gründest, ist es Knight. Wenn du etwas Bestehendes führst, Iger. 300 Seiten, das kürzeste Buch dieser Liste.

Herkunft, und was jemand daraus macht

Befreit von Tara Westover

Befreit

Tara Westover

Kiepenheuer & Witsch 2019 · 448 Seiten · ISBN 9783462054002

Westover betrat mit 17 zum ersten Mal ein Klassenzimmer. Sie wuchs in den Bergen von Idaho auf, in einer Familie, in der der Vater Schule und Ärzte ablehnte. Sie arbeitete auf dem Schrottplatz ihres Vaters, ohne Geburtsurkunde und ohne medizinische Versorgung.

Innerhalb von zehn Jahren wurde daraus eine akademische Laufbahn. Das ist die Handlung, und sie klingt wie eine Erfolgsgeschichte. Das Buch ist keine. Es handelt davon, was Bildung kostet, wenn sie einen von der eigenen Familie trennt, und der deutsche Titel trifft das genauer als der englische.

Alexander Stubb, heute Präsident Finnlands, schrieb, wer in dem Sommer nur ein Buch lese, solle dieses lesen, und beschrieb ein Wechselbad der Gefühle von Liebe bis Hass. Nikki Haley hebt hervor, welche Rolle die Kultur im Leben eines Menschen spielt. Devi Sridhar, Professorin für globale Gesundheit in Edinburgh, empfiehlt es knapp und deutlich.

Zur Ausgabe: Die deutsche Übersetzung stammt von Eike Schönfeld und hat 448 Seiten. Für wen: für alle, die einen Abstand zwischen sich und ihre Herkunft gelegt haben und dafür einen Preis gezahlt haben.

Noah wurde 1984 in Soweto geboren, als Sohn einer Xhosa und eines Schweizers, zu einer Zeit, in der das südafrikanische Apartheidregime solche Beziehungen unter Strafe stellte. Daher der Titel. Seine Existenz war der Beweis einer Straftat.

Das Buch besteht aus achtzehn Geschichten, und das erste Kapitel zeigt sofort, wie sie funktionieren. Es heißt "Lauf!" und beginnt mit einer Beschwerde über Hollywood: Wer aus einem fahrenden Auto gestoßen wird, steht nicht auf und klopft sich den Staub ab, es tut verdammt weh. Dann der zweite Satz. Er war neun, als seine Mutter ihn aus einem fahrenden Wagen stieß, an einem Sonntag, auf dem Heimweg von der Kirche.

So arbeitet das ganze Buch. Erst der Witz, dann die Sache, um die es geht. Auf Seite 12 steht ein Satz über die unterschiedlichen Strategien zweier Völker gegenüber den Kolonisatoren: Die Zulu führten Krieg gegen den weißen Mann, die Xhosa spielten Schach mit ihm.

Mike Birbiglia nennt es phänomenal komisch und klug. Der Historiker Greg Jenner sagt, Comedians seien oft scharfsinniger, als man ihnen zutraue. Mark Suster empfiehlt ausdrücklich das Hörbuch, weil Noah es selbst spricht. Die Übersetzung von Heike Schlatterer hat 336 Seiten.

Becoming: Meine Geschichte von Michelle Obama

Becoming: Meine Geschichte

Michelle Obama

Goldmann 2021 · 560 Seiten · ISBN 9783442316472

Obama beschreibt einen Ort, den fast niemand von innen kennt, und sie tut es unspektakulär. Bewaffnete Agenten des Secret Service stehen vor den Türen und geben sich Mühe, sich aus dem Familienleben herauszuhalten. Die Töchter spielen auf den Fluren Ball und klettern auf dem South Lawn in Bäume. Barack brütet bis spät im Treaty Room über Lageberichten. Der Hund macht gelegentlich auf den Teppich.

Daneben stehen die Nachteile ohne Beschönigung. Die Fenster mussten aus Sicherheitsgründen immer geschlossen bleiben, und sie schreibt, dass ihr das Beklemmungen verursachte. Vom Truman Balcony aus sah sie Touristen mit Selfie-Sticks durch den Zaun spähen. Es gab Wochen, in denen sie die Politik regelrecht hasste.

Dann folgt der Absatz, der das Buch zusammenfasst: "Dann war es vorbei." Eine Hand auf der Bibel, ein Eid, und innerhalb weniger Stunden werden die Möbel des einen Präsidenten aus- und die des anderen eingeräumt.

Indra Nooyi, ehemalige Vorstandsvorsitzende von PepsiCo, nennt Lektionen über Sinn, Liebe, Identität und Stärke. Shonda Rhimes beschreibt das Buch als zutiefst persönlich und erfrischend ehrlich. Mit 560 Seiten ist es das zweitlängste hier. Fazit: Westover für den Bruch, Noah für den Witz und die Härte, Obama für die Frage, wie man sich in Rollen zurechtfindet, die man nicht selbst gewählt hat.

Wenn Geschäft auf Staatsmacht trifft

Browder baute den größten ausländischen Investmentfonds in Russland auf und verlor alles. Sein Anwalt Sergei Magnitski starb in russischer Untersuchungshaft. Was als Buch über Geld anfängt, endet als Bericht über ein Justizsystem.

Ryan Graves beschreibt diesen Verlauf am genauesten. Für ihn beginnt es als großes Buch über Geschäft und Investieren, wird zu einer internationalen Kriminalgeschichte und dann zu einer Lektion über Gerechtigkeit und Aktivismus. Ben Saunders, Polarforscher, nennt es inspirierend, alarmierend, verstörend und erhellend zugleich und schreibt, er habe geglaubt, etwas über Ehrgeiz in schwierigen Umgebungen zu wissen.

Mike Dudas nennt es sein liebstes Buch der letzten fünf Jahre und hält die Erfahrungen darin für heute besonders relevant. Genau das ist der Grund, warum dieses Buch hier steht und nicht in einer Wirtschaftsliste. Für wen: für alle, die verstehen wollen, was Eigentum wert ist, wenn ein Staat es anders sieht. 416 Seiten bei dtv.

Wie ein Kopf arbeitet

Leonardo da Vinci: Die Biografie von Walter Isaacson

Leonardo da Vinci: Die Biografie

Walter Isaacson

Ullstein Taschenbuch 2020 · 752 Seiten · ISBN 9783548061061

Isaacson interessiert sich weniger für die Bilder als für die Notizbücher. Das sieht man am Aufbau. Vor dem eigentlichen Text stehen ein Personenverzeichnis auf Seite 7, eine Übersicht über die Währungen in Italien um 1500 auf Seite 10 und eine Zeittafel auf Seite 12. Die Einführung ab Seite 17 heißt "Ich kann auch malen".

Danach folgen 33 Kapitel, und die Verteilung sagt alles. "Leonardos Notizbücher" stehen ab Seite 153, "Der vitruvianische Mensch" ab Seite 197, "Der Wissenschaftler" ab Seite 233, "Vögel und Fliegen" ab Seite 247, "Mathematik" ab Seite 271, "Anatomie, zweite Runde" ab Seite 515. Das berühmteste Bild bekommt ein Kapitel wie jedes andere: "Die Mona Lisa" ab Seite 611.

Das schönste Detail steht ganz am Ende. Die Coda auf Seite 675 heißt "Beschreibe die Zunge des Spechts". Das ist ein Punkt von Leonardos eigener Aufgabenliste, und er erklärt das ganze Buch: Neugier ohne Zweck, notiert zwischen Auftragsarbeiten.

Bill Gates schreibt, er habe viel über Leonardo gelesen und nie ein Buch gefunden, das alle Facetten abdeckt. Marina Amaral, die historische Fotografien koloriert, liest es gerade zum zweiten Mal und nennt es eine der besten Biografien der letzten Jahre. Fazit: 752 Seiten, das längste Buch hier. Nimm es nicht als Erzählung für einen Abend, sondern als etwas, in dem du monatelang liest.

Wessen Leben dich angeht

Wenn du selbst gründest: Knight. Wenn du etwas Bestehendes führst: Iger. Beide sind ehrlicher über die Zwischenzeit als die meisten Ratgeber.

Wenn du Abstand von etwas suchst, das dich geprägt hat: Westover, oder Noah, wenn dir Humor dabei hilft. Obama, wenn dich die Frage nach der eigenen Rolle beschäftigt. Browder, wenn dich interessiert, wie schnell Regeln aufhören zu gelten. Isaacson nur, wenn du wirklich Zeit hast.

Interessiert dich an diesen Leben eine bestimmte Frage, etwa wie jemand die Branche gewechselt hat oder nach einem Scheitern weitermachte, dann schreibt unser Dienst TailoredRead ein Buch dazu. Es kostet etwas und erscheint auf Englisch.